Nach dem 20. August 2013 in Dossenheim - Hintergründe von Amoktaten

Veröffentlicht am 04.12.2013 in Gemeindenachrichten

Die unfassbaren Ereignisse des 20. August 2013 liegen nun fast 3 Monate zurück. Grüne und SPD hatten kurz nach den Ereignissen aufgerufen, in einer über alle Grup¬pierungen und Parteien hinweg breit angelegten Initiative über die gesellschaftlichen und politischen Konsequenzen vor Ort und die vielen offenen Fragen zu reden, welche die Menschen in Dossenheim nach der schrecklichen Tat beschäftigen. Da das angeregte, breite Bündnis bis jetzt nicht zustande gekommen ist, haben Grüne und SPD zwei Expertinnen zum Thema „Amoktaten“ zu einer Diskussionsveranstaltung eingeladen:

Prof. Dr. Britta Bannenberg leitet die Professur für Kriminologie, Jugendstrafrecht und Strafvollzug an der juristischen Fakultät der Justus-Liebig-Universität Gießen. In ihren Forschungen beschäftigt sie sich u.a. mit Amoktaten. Sie war Mit¬glied der Experten¬kommis-sion Amok des Landes Baden-Württemberg, die nach dem Amoklauf in Winnenden und Wendlingen 2009 gegründet wurde.

Gisela Mayer ist Psychologin und Philosophin. Sie ist als Mutter unmittelbar Betroffene des Amoklaufs in Winnenden und Vorstandsmitglied des Aktionsbündnisses Amoklauf Winnenden, das 2009 durch Angehörige der Opfer des Amoklaufs in Winnenden und Wendlingen gegründet wurde. Das Bündnis hat sich als Aufgabe vorgenommen, einen Beitrag zu leisten, damit anderen Menschen ein ähnliches Schicksal erspart bleibt.

Typische Merkmale von Amokläufern können helfen, Taten zu verhindern

„Zum Glück kommen Amoktaten selten vor, aber aufgrund der hohen Brutalität erzeugen sie eines hohes Maß medialen Aufsehens“, begann Frau Bannenberg ihren Vortrag. Die meisten Amoktaten werden von Jugendlichen, seltener aber auch von Erwachsenen begangen. Bannenberg hat 21 Amoktaten in Deutschland genauer untersucht und viele Gemeinsamkeiten herausgefunden:

  • Bis auf wenige Ausnahmen waren die Täter immer männlichen Geschlechts.
  • In den Familien herrschte keine Gewalt oder übermäßige Aggressionen, aber in vielen Fällen eine kalte, sprachlose Atmosphäre.
  • Amoktäter fühlen sich gemobbt und narzisstisch gekränkt.
  • Viele Amoktäter oder deren Väter, Onkel, ... waren Sportschützen.
  • Amoktäter wollen nicht nur andere töten, ihr eigener Tod ist immer mitgeplant.
  • Amokläufe sind häufig eine Kombination aus Rache und Suizid.
  • Amoktäter fallen häufiger wegen ihrer Persönlichkeitsstörungen auf als bisher angenommen.

Infolge dieser typischen Merkmale könne man Amoktaten minimieren, so Frau Prof. Bannenberg, aber niemals ganz ausschließen.

Wir müssen darüber sprechen

„Diese Tat gehört von nun an zu dieser Gemeinde", begann Gisela Mayer ihren Vortrag. Sie weiß aus eigener Erfahrung, wie schwierig eine solche Situation ist. Es sei ein Trugschluss zu glauben, dass man nach einiger Zeit in das frühere Leben einfach zurückkehren könne. Ein Amoklauf sei wie ein Erdbeben. Doch anders als die Naturkatastrophe hinterlasse menschliches Handeln mehr Verletzungen, als es auf den ersten Blick scheine. Es seien nicht nur die unmittelbar Betroffenen traumatisiert, sagte sie. Beschäftigte, Besucher, Vereinsmitglieder, Polizisten, Rettungspersonal seien oft allein mit der Bewältigung des Geschehens. Es dürfe nichts totgeschwiegen werden. Ihre Kernbotschaft: „Wir müssen darüber sprechen! Etwas Unausgesprochenes belastet mehr als darüber zu sprechen“. Es sei wichtig, das Gespräch zu beginnen. Das Einzige, was man tun kann: aus diesen Ereignissen etwas lernen.

Das Thema des „darüber Sprechens“, die Erwartungen von Opfern und Angehörigen und die eigene Hilflosigkeit im Umgang damit nahm auf der Veranstaltung einen großen Raum ein. Gisela Mayer machte den Anwesenden Mut, indem sie sehr authentisch dafür warb, die Ehrlichkeit und das Eingeständnis der eigenen Hilflosigkeit in den Vordergrund zu rücken. Ein Gespräch erfordere nicht immer Worte. „Das Mitmenschliche auszuhalten, das ist schon viel", ermutigte sie zum Zuhören. Schließlich war es Frau Mayer wichtig, Strukturen auszubauen, die Hilfesuchende auch Jahre nach dem Vorfall als verlässliche Anlaufstelle aufsuchen können. Schwierigkeiten im Alltagsleben könnten und würden auch Jahre danach noch auftreten. Die Erfahrungen des Aktionsbündnisses Amoklauf Winnenden im Kontakt mit anderen Städten und Gemeinden, in denen ähnliche, schreckliche Amokläufe stattgefunden haben, zeigen, dass „darüber reden“ und eine strukturierte Aufarbeitung sehr wichtig sind. Betroffene des Amoklaufs in Erfurt im April 2002 bedauern sehr, dass die Versuche sich zu strukturieren, im Sande verlaufen sind.

Diese Chance sollten wir in Dossenheim nicht ausschlagen. Nach einer intensiven Diskussion in der sehr gut besuchten und sehr gut angenommenen Veranstaltung waren sich Stefan Kätker (Grüne) und Fred Hermann (SPD) einig, sich mit dem Thema weiter zu beschäftigen. Diese Veranstaltung und die Botschaften der Referentinnen haben Mut gemacht, die nächsten Schritte anzugehen.

Wie kann es weitergehen?

Zunächst wird es wichtig sein, den Prozess des „miteinander redens“ nicht abreißen zu lassen. Schweigen ist keine Alternative. Das haben wir eindrucksvoll in dieser Veranstaltung lernen können. Dieser Prozess sollte – wie bisher angestrebt – auf einem breiten politischen und gesellschaftlichen Bündnis beruhen. Dafür sind wir weiterhin offen und hoffen darauf und arbeiten weiter daran, dieses Bündnis zu etablieren.

Darüber hinaus wird es wichtig sein, innerhalb des Bündnisses den von Frau Mayer angesprochenen zentralen „Ansprechpartner“ zu etablieren.

Wir sehen auf jeden Fall diese Veranstaltung nur als einen Auftakt einer Veranstaltungsreihe. In diesem Zusammenhang sind noch weitere Themen zu besprechen, die bis jetzt noch nicht adressiert wurden, wie z.B. das Waffenrecht und andere politische Konsquenzen aus den schrecklichern Ereignissen. Wir werden diese Reihe also auf jeden Fall fortsetzen.