Im letzten Gemeindeblatt stellt die CDU ihre Bildungsgrundsätze dar: „Aufstieg durch Bildung – für jeden! … Nicht für alle das Gleiche, sondern für jeden das Richtige. Wir erhalten Realschulen und Gymnasien. Die rot-grüne Einheitsschule lehnen wir ab“ (Punkt 4, Gemeindeblatt 04.03.2011). Die „rot-grüne Einheitsschule“ ist billige Wahlkampfpolemik. Alles andere sind sehr allgemeine Forderungen, die mehr oder weniger jeder unterschreiben würde. Halten wir uns doch an die Fakten.
Die Ergebnisse der PISA-Studien belegen zweierlei: Das baden-württembergische Schulsystem ist leistungsfähig aber sozial ungerecht. Außer in Bayern wird in keinem anderen Bundesland so stark nach sozialen Kriterien auf Hauptschulen, Realschulen und Gymnasien verteilt wie in Baden-Württemberg.
In Baden-Württemberg gilt die Grundschulempfehlung: Für den Übertritt ins Gymnasium ist ein Notenschnitt von mindestens 2,5 in Deutsch und Mathematik zwingend erforderlich. Für die Realschule gilt ein Notenschnitt von mindestens 3,0. Schülerinnen und Schüler, die diese Schnitte nicht erreichen, müssen in die Hauptschule. Was die richtige Schulart ist, entscheidet also der Notenschnitt von Deutsch und Mathematik im vierten Grundschuljahr. Diese Schnittstelle ist nach Auffassung der SPD zu früh und mit ihrer Reduzierung auf zwei Noten zu eindimensional. Schülerinnen und Schüler aus sozial schwachen Familien oder aus Familien mit Migrationshintergrund können in dieser kurzen Zeit ihre Sprachdefizite nicht aufholen. Außerdem verfügen diese Familien oft nicht über die finanziellen Mittel, ihre Kinder mit Hilfe von Nachhilfeunterricht auf den erforderlichen Notenschnitt zu hieven.
Dass die Verteilung auf drei Schularten nach der 4. Grundschulklasse zu Fehleinschätzungen führt, belegt auch die Statistik zur Grundschulempfehlung der Integrierten Gesamtschule Mannheim-Herzogenried (IGMH): So schafften 42% der Fünftklässler, die lediglich mit einer Realschulempfehlung in die IGMH kamen, am Ende das Abitur. 12% der Abiturienten hatten sogar „nur“ eine Hauptschulempfehlung. Ähnliche Zahlen liegen auch von der Internationalen Gesamtschule Heidelberg vor.
Nun argumentiert die CDU, es gäbe ja noch das berufliche Bildungssystem, in dem die Hauptschüler die Mittlere Reife und das Abitur nachholen könnten. Das ist theoretisch richtig, nur praktisch selten der Fall. Hauptschüler müssen auf diesem Weg nämlich zusätzliche Hürden überspringen, was von Realschülern und noch weniger von Gymnasiasten nicht verlangt wird.
Um in die 10. Klasse der Werkrealschule (Mittlere Reife) aufgenommen zu werden, müssen Hauptschüler einen Notenschnitt von mindestens 3,0 in den Fächern Deutsch, Mathematik und Englisch erreichen. Für Realschüler und Gymnasiasten reicht die Versetzung in die 10. Klasse ihrer Schule. Schaffen die Werkrealschüler die Mittlere Reife, müssen sie für die Übernahme ins berufliche Gymnasium wiederum einen Notenschnitt von 3,0 in den Fächern Deutsch, Mathematik und Englisch als Grundvoraussetzung erreichen. Damit haben sie aber keineswegs einen Platz im beruflichen Gymnasium sicher. Wegen deren geringer Kapazitäten müssen die beruflichen Gymnasien trotz Erfüllung der formalen Voraussetzungen Schüler abweisen.
Aber nicht nur formale Hindernisse erschweren den Hauptschülern den Weg zum Abitur. Auch die spezifischen Lehrpläne der Hauptschule verhindern den Aufstieg. Da die CDU der Meinung íst, dass für Hauptschülerinnen und Hauptschüler handwerklich-praktisch orientierte Fächer das Richtige ist, unterscheidet sich das Fächerangebot gravierend von demjenigen der Realschulen. Erhält ein Hauptschüler über die Werkrealschule einen Platz im beruflichen Gymnasium, trifft er dort auf Realschüler, die in einem durchgängigen sechsjährigen Bildungsgang breiter und intensiver in allgemeinbildenden Fächern unterrichtet wurden.
Diese mehrfache Benachteiligung der Hauptschüler hält die SPD für sozial ungerecht. Ein Bildungssystem muss leistungsfähig und sozial gerecht sein.
Das dreigliedrige Schulsystem ist aber nicht nur sozial ungerecht, es hat auch keine Zukunftsperspektive. Ihm gehen nämlich die Schüler aus. Der demografische Wandel schlägt auf die Entwicklung der Schülerzahlen durch: Sie werden an den allgemeinbildenden Schulen nach Prognosen des Statistischen Landesamtes bis 2025 um insgesamt 23 Prozent zurückgehen – am stärksten betroffen ist die Hauptschule mit einem Rückgang von 33 Prozent. Hinzu kommt, dass sich das Übergangsverhalten von der Grundschule auf die weiterführenden Schularten stark verändert hat – die Eltern wollen die besten Bildungschancen für ihre Kinder. Die Übergangsquote ins Gymnasium nimmt immer mehr zu, diejenige zur Hauptschule geht immer weiter zurück.
Wer bei rückläufigen Schülerzahlen die Schule im Ort halten will, der darf die wenigen Schüler nicht länger auf drei weiterführende Schularten verteilen, sondern muss sie länger gemeinsam lernen lassen. Dieser Weg sichert die Schulen - auch im ländlichen Bereich.
Die SPD will deshalb und aus Gründen der besseren und sozial gerechteren Bildungschancen schrittweise die Zusammenlegung von Hauptschulen, Werkrealschulen und Realschulen. In diesen „Regionalschulen“ wird aber gerade nicht „gleichgemacht“, sondern individuell gefördert. Die freiwerdenden Kapazitäten und Erfahrungen aus dem Hauptschulbereich können dazu eingesetzt werden.