Es ist bekannt, dass sich die Hauptschule in einer sehr prekären Lage befindet, manche sprechen von der Krise der Hauptschule. SPD und GEW (Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft) sind sich einig, dass das Kernproblem nicht die Hauptschule, sondern das dreigliedrige Schulsystem ist: Die Hauptschule muss man, Realschule und Gymnasium darf man besuchen. Diese Entscheidung wird nach der vierjährigen Grundschulzeit getroffen – aus entwicklungspsychologischer und pädagogischer Sicht ein Unding. Außer in Österreich gibt es dieses Selektionsverfahren in keinem anderen europäischen Land mehr.
Die Hauptschule kann in BadenWürttemberg im Jahr 2007 auf ihr 40-jähriges Bestehen zurückblicken. Seitdem hat sie kontinuierlich an Akzeptanz verloren. Lagen die Übertrittsquoten von der Grundschule in die Hauptschule Ende der 60er Jahre noch zwischen 60 und 70 Prozent, hat sie im Jahr 2006 einen historischen Tiefstand von 28 Prozent – in Dossenheim nur noch 10% - erreicht. Tatsache ist, dass alle Stabilisierungsbemühungen der Landesregierung - von der Einführung der Hauptschulabschlussprüfung über Projektprüfungen, die Einführung der Werkrealschule und das Programm „Impulse Hauptschule" - den Abwärtstrend der Hauptschule nicht stoppen konnten. Nur eine Minderheit (zwischen 10% und 20%) der Hauptschüler erhält heutzutage direkt einen Ausbildungsplatz. Über aufwändige und teuere Nachqualifikationen (Berufsvorbereitungsjahr usw.) versucht man die Bilanz zu verbessern. Ideologisch verbohrt hält jedoch die Landesregierung an dem längst überholten begabungstheoretischen, dreigliedrigen Ansatz fest. Alle PISA-Siegerländer haben ein integratives (eingliedriges) Schulsystem mindestens bis zur Klasse 10 kombiniert mit einer ausgeprägten Individualförderung schwacher Schülerinnen und Schüler.
Aktuell verschärft wird der Abwärtstrend der Hauptschule durch die demografische Entwicklung: An den allgemeinbildenden Schulen in Baden-Württemberg wurde im Schuljahr 2003/2004 mit 1,3 Mio. der Höhepunkt der Schülerzahlen erreicht. Das Statistische Landesamt prognostiziert einen Schülerrückgang bis ins Jahr 2020 um 19% auf etwa 1 Mio. Bis ins Jahr 2012/13 sollen die Schülerzahlen an den Grundschulen im Rhein-Neckar-Kreis um 13% sinken. Der vergleichsweise größte Rückgang der Schülerzahlen wird an den Hauptschulen auftreten. Insbesondere die städtischen bzw. stadtnahen Hauptschulen werden infolge dieser Entwicklung und des breiten privaten und staatlichen Schulangebots kaum überlebensfähig sein. In Heidelberg wurde gerade die Zahl der Hauptschulen von acht auf vier reduziert.
Angesichts dieser Perspektiven beobachten wir mit großer Sorge, dass hinter verschlossenen Türen das Kultusministerium gemeinsam mit den kommunalen Spitzenverbänden an Lösungskonzepten arbeitet, die von dem Ziel geprägt sind, das gegliederte Schulsystem in seiner bisherigen Struktur und gleichzeitig möglichst viele Schulstandorte zu erhalten. Das sieht dann in der Realität vermutlich so aus, dass am Standort A die Klassen 5 bis 7 und am Standort B die Klassen 8 bis 10 unterrichtet werden.
Wir fordern, dass die Landesregierung von Baden-Württemberg ihre ideologisch begründete Haltung gegenüber integrativen Schulformen überdenkt und sich für neue Lösungen öffnet. Auf regionaler Ebene müssen zukunftsfähige Schulentwicklungskonzepte mit dem Ziel eines wohnortnahen Schulangebots vereinbart und umgesetzt werden. Die CDU-SPD-Koalitionsregierung von Schleswig-Holstein zeigt den richtigen Weg: Statt der bisher bestehenden Hauptschulen und Realschulen soll es ab dem Schuljahr 2010/11 nur noch die neu eingeführte Regionalschule geben: Sie fasst die Bildungsgänge zum Haupt- und Realschulabschluss zusammen. Daneben wird es auf Antrag der Schulträger die neue Gemeinschaftsschule geben, die alle Bildungsgänge anbietet, einscließlich dem Gymnasium. Die individuelle Förderung der Kinder und Jugendlichen wird zum durchgängigen Unterrichtsprinzip.