Jubiläum 2015

Geschichte des Ortsvereins - 1905 -1918

Die Bemühungen für eine aktive Teilnahme der Sozialdemokraten an den Entscheidungen der Gemeinde und die Versuche einer Einflussnahme im Sinne der eigenen Vorstellungen und Forderungen stießen auf erhebliche Widerstände. Die Folgen für die Mitglieder der SPD waren oft persönliche Schwierigkeiten und Diffamierungen. Dossenheim war nahezu ausschließlich von landwirtschaftlichen Betrieben und den Steinbrüchen geprägt. Die Steinbrecher und Steinhauer fühlten sich auf einer sozial höheren Stufe als Knechte, Tagelöhner und Fabrikarbeiter, da sie meistens aus dem Ort stammten und häufig auch noch als Nebenerwerbslandwirte tätig waren. Ähnliches galt auch für einen erheblichen Teil der ansässigen Handwerker, Fuhrleute und anderen Arbeiter. Neben den daraus resultierenden überwiegend, konservativ geprägten Einstellungen waren auch die Kirchen und insbesondere die in Dossenheim überwiegenden Katholiken gegen die Tätigkeit der Sozialdemokratie eingestellt.

Zusätzlich zu diesen örtlich bedingten Schwierigkeiten für die SPD verhinderte das damalige Kom­munal­wahlrecht eine der Wählerzahl entsprechende Vertretung in den Selbst­verwaltungs­gremien der Gemeinde: dem Bürgerausschuss mit 60 Mitgliedern und dem Gemeinderat mit 6 Mitgliedern. Wahlberechtigt waren nämlich nur vermögende Einwohner oder regelmäßige Steuerzahler, deren jährliche Abgaben über einem Mindestbetrag lagen. Die Wähler waren je nach Steuerhöhe in drei Klassen eingeteilt, wobei jede Klasse unabhängig von ihrer Größe ein Drittel der Gemeindeverordneten zu wählen hatte. Da die Sozial­demokraten und ihre Anhänger entweder wegen zu geringen Einkommens überhaupt nicht wahlberechtigt waren oder ganz überwiegend der größten Klasse der "Niederbesteuerten" angehörten, waren die Wahlergebnisse nicht repräsentativ.

1911 lässt sich das erste Mal nachweisen, dass nach einer gemeinsamen Wahlvorschlagsliste der SPD zusammen mit anderen ein Sozialdemokrat Mitglied des Bürgerausschusses wurde: Philipp Sauer. Bis zum Ende des Ersten Weltkrieges gehörten nur zwei Sozialdemokraten diesem Gremium an.

Ebenfalls von 1911 liegt der erste Nachweis dafür vor, dass der Ortsverein sich mit einem eigenen Wahlvorschlag an den Gemeinderatswahlen beteiligte. Vorgeschlagen waren Philipp Sauer, Wilhelm Sauer, Jakob Kasper und Johann Schmitt. Bis 1919 brachten alle Wahlen zu diesem Gremium für den Ortsverein jedoch keinen Erfolg.

Die Hindernisse, auf die die aktiven Sozialdemokraten in Dossenheim stießen, schreckte sie nicht ab. Zwei der wenigen erhaltenen Dokumente der damaligen Zeit belegen dies: 0001909 klagten Mitglieder des Ortsvereins zusammen mit anderen Einwohnern aus der Klasse der "Niederbesteuerten" gegen die Gemeinde wegen Unregelmäßigkeiten beim Verfahren der Kommunalwahl, weil die gesetzlich vorgeschriebene geheime Stimmabgabe nicht sicher­gestellt war. Die Klage wurde zwar abgewiesen, aus den Unterlagen des Gemeindearchivs ist jedoch ersichtlich, dass die Verwaltung von der vorgesetzten Behörde daraufhin die Weisung erhielt, das bisherige Abstimmungsverfahren im Sinne der Kläger zu ändern.

Von 1912 stammt eine Anfrage der SPD an den Gemeinderat, in der Rechenschaft darüber verlangt wurde, wie weit die Schaffung eines Dienst- und Gehaltstarifs für die Gemeinde­arbeiter gediehen sei, warum der Gemeinderat entgegen dem Beschluss des Bürger­ausschusses die Bezüge der Gemeindearbeiter nur auf 2,00 statt auf 2,30 Reichsmark erhöht hatte und welche Maßnahmen der Gemeinderat zu treffen gedenke, um der immer drückender werdenden Wohnungsnot wirksam zu begegnen.

Trotz der ungünstigen Ausgangsbedingungen für eine sozialdemokratisch geprägte politische Arbeit gelang es jedoch - wenigstens im Ansatz - vorhandene Vorurteile gegen den Ortsverein und seine Mitglieder zu vermindern. Dazu trug offensichtlich bei, dass einerseits die Aufgaben, vor die sich die Gemeinde damals gestellt sah und andererseits die Mitglieder­struktur des Ortsvereins eine praktische und konstruktive Mitarbeit begünstigte. Förderlich war sicher auch, dass ein gebürtiger Schwabenheimer, Willi Bechtold, seit 1905 SPD-Abgeordneter im Badischen Landtag war. Die Zusammenarbeit der Sozialdemokraten mit Linksliberalen, Demokraten und Nationalliberalen im badischen Landtag und die Zustimmung der SPD-Reichstagsfraktion zur Bewilligung der Kriegskredite 1914 veränderten letztlich auch in Dossenheim die Vorstellung von den Sozialdemokraten als „vaterlandslosen Gesellen".

Bei wichtigen kommunalpolitischen Entscheidungen, wie z.B. bei der Umwandlung der gemeindeeigenen Steinbrüche in ein vom Land getragenes staatliches Porphyrwerk zum 01.01.1908 und bei der Durchführung des zweiten großen Flurbereinigungsunternehmens, das 1912 in Angriff genommen und 1917 abgeschlossen wurde, war der Ortsverein jedoch nicht beteiligt. Das diskriminierende Dreiklassenwahlrecht verhinderte bis zum Ende des 1. Welt­kriegs die den Dossenheimer Sozialdemokraten zustehende politische Repräsentanz im Gemeinderat.

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Matthias Stammler

 

 

 

 

 

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